Audiogramm 76/6, Bl.2,4
Die musikalische Graphik als eine Form mehrdeutig interpretierbarer Notation entwickelte sich seit etwa 1952. Der Komponist Roman Haubenstock-Ramati, der den Begriff „Musikalische Graphik“ prägte, organisierte 1959 in Donaueschingen die erste Ausstellung. Heute umfasst der Bereich der musikalischen Graphik ein umfangreiches Gebiet; vielerlei Formen lassen sich mit diesem recht unscharf erscheinenden Begriff in Verbindung bringen. Auch Erwin Walthers Begriff „Audiogramm“ ist unscharf. Er ist unscharf, weil Walther damit graphische Notationen ebenso bezeichnet wie Collagen aus bunten Folien und „reine“ gezeichnete Graphiken; die letztgenannten überwiegen zahlenmäßig bei weitem. Darüber hinaus ist der Begriff in seiner Aussage unscharf. „Audiogramm“ – zu übersetzen etwa als „Hörschrift, lesbar als musikalisch strukturierte Graphik, als „Optische Musik“.

Zu unterteilen wären diese Graphiken in drei Kategorien:
1. Die graphischen Notationen auf Millimeter- und Notenpapier bilden den Bereich der strengsten Festlegung und schaffen für musikalische „Aufschreibungen“ einen verbindlichen Raum.
2. Die „reinen“ gezeichneten Graphiken lassen dem Betrachter ebenso wie dem Musiker alle Freiheiten der Interpretation.
3. Unabhängig von der Wahl eines bestimmten Farbmaterials besteht die Möglichkeit der Zuordnung einer spezifischen Farbe zu einem spezifischen Instrument bzw. einer Instrumentengruppe.

Der Avantgardist Erwin Walther vermag bis zu jenem Stadium vorzudringen, da er einen Wort-Text nicht mehr in notierbare Töne umsetzt, sondern in nicht-notierbare klingende Farben und Bildstrukturen, die ihren Klang im Kopf des Betrachters entfalten. „Kaspar ist tot“ (1989) von Hans Arp wird übersetzt in fünfzehn kraftvolle farbige Blätter, zu denen ein Sprecher den Text rezitiert.

Alle Graphiken befinden sich im Privatbesitz von Michaela Grammer und liegen teilweise digitalisiert vor.
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